Jahresbericht zum Projekt Allotoca-Mesa Central

Jahresbericht zum Projekt Allotoca-Mesa Central
Stichtag 18. Januar 2020

Abschnitt A: Die Entwicklung der Mitgliederzahl von 2016 bis heute

Beginnend mit fünf europäischen Mitgliedern 2016 wuchs die Gruppe bis Ende 2017 relativ schnell auf zehn an, darunter waren neben dem Haus des Meeres auch zwei weitere Zoos aus Großbritannien und Ungarn vertreten. Leider musste ein Teilnehmer aus Dänemark mangels Bereitschaft, die aufgrund der neuen Gesetzeslage zum Datenschutz erforderlichen Unterlagen zu unterschreiben, das Projekt verlassen, allerdings hatte er bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Fische erhalten. Vier weitere Personen traten in den darauffolgenden zwei Jahren bei, sodass die Gruppe aktuell 13 Teilnehmer umfasst, die neben europäischen Aquarianern und Zoos auch US-amerikanische Hobbyisten umfasst. Ein weiterer britischer Zoo sowie weitere drei Privatpersonen aus dem deutschsprachigen Raum haben jüngst Interesse an einer Teilnahme angemeldet und bereits die Unterlagen zur Unterfertigung erhalten. Generell erwies es sich in den letzten Monaten als überraschend schwierig, für den Überschuss einer Art (Allotoca zacapuensis) Interessenten, sprich neue Projektteilnehmer, zu finden. Trotz intensiver Bewerbung auf einer Spezialistenseite auf Facebook mit knapp 1.300 Mitgliedern und auf einer Veranstaltung Gleichgesinnter konnten nur vier Menschen begeistert werden, einer musste aus privaten Gründen eine mögliche Teilnahme jedoch wieder ruhen lassen. Es liegt wohl daran, dass diese Art im Gegensatz zu vielen anderen Hochlandkärpflingen relativ unbekannt ist, und auch bei Artenschützern eine Tendenz hin zu farbenprächtigen und auch leicht erhältlichen Fischen zu erkennen ist. Nicht jeder, der sich um seltene Fische bemüht, ist bereit, weniger bunten Arten Raum zu überlassen oder gar einem Projekt beizutreten, in dem gefordert wird, strenge Richtlinien einzuhalten. Es wurde sogar von einem vergeblichen Versuch berichtet, einem Projektteilnehmer unter der Hand Tiere abspenstig zu machen, weil er dem Projekt nicht beitreten wollte, aber gerne die Fische gehabt hätte. Im Großen und Ganzen ist jedoch für die kommenden beiden Jahre mit den zu erwartenden Überschüssen bei einigen Arten eine langsam steigende Zahl an Mitgliedern zu erwarten.

Mitgliederentwicklung

Abschnitt B: Charakterisierung und aktuelle Situation der Fischbestände in den Aquarien

Artenbestand 2019Allotoca zacapuensis erwies sich neben den anderen drei Vertretern der sogenannten Allotoca diazi-Gruppe (A. catarinae, A. diazi und A. meeki) als überaus produktiv und stellt mittlerweile den Großteil an Individuen in den Aquarien der Züchter. Auch die anderen drei Arten dieser Gruppe sind gut verteilt, gerade A. diazi hat in den letzten Monaten weitere Halter hinzugewonnen. Für A. meeki und A. catarinae erwarten wir für 2020 deutliche Überschüsse. Allotoca dugesii war ursprünglich mit Individuen aus drei Fundgebieten (Chapultepec, Cointzio und Poncitlán) aus drei unterschiedlichen ESU's in Aquarien vertreten. Die Bestände von Poncitlán und Chapultepec sind nach wie vor vorhanden, auch wenn sie nicht so gewachsen sind, wie erhofft. Der Bestand von Cointzio hingegen ist leider erloschen. Allerdings gilt bei dieser Art im Gegensatz zu den meisten anderen nach wie vor, dass ein Großteil der Bestände nicht Teil des Projektes ist, und die Anzahl der gehaltenen Tiere damit wesentlich höher anzusetzen ist. Das liegt daran, dass bei Projektbeginn Populationen bei Hobbyisten bereits vorhanden waren und versucht wurde, viele von ihnen mit existierenden Beständen ins Projekt zu übernehmen. Das gelang aber aufgrund allgemeiner Ressentiments gegen das Einhalten von strengen Richtlinien nur in bescheidenem Maße. Allotoca goslinei hatte in den letzten beiden Jahren bereits in ihrem Bestand stark abgenommen, wurde aber 2019 gezielt gepusht und konnte daher in den letzten Monaten seit Sommer signifikant wachsen. Die Art gilt wie die Bestände aller bisher genannten als in Aquarien gesichert, wenngleich bei allen Arten noch Luft nach oben besteht. Mittlerweile gilt es aber wohl als aussichtslos, von allen Arten 1.000 Individuen in Aquarien zu halten, was aber Populationsgenetikern zufolge aber auch gar nicht nötig ist. Diese sind der Auffassung, dass in etwa 500 Individuen ausreichend seien. Es mangelt für die Zukunft ganz einfach an möglichen Haltern mit der nötigen Anzahl an Aquarien, und damit auch an einer Strategie, rechtzeitig auf Überschüsse zu reagieren und diese vorausschauend verteilen zu können. Eine Herausforderung, mit der es für die kommenden Jahre umzugehen gilt. Allotoca maculata und Neoophorus regalis waren bei Projektbeginn noch in geringer Stückzahl als Zuchtgruppen vorhanden, sind jedoch nun auf Einzeltiere eines Geschlechtes jeweils geschrumpft und damit im Projekt praktisch ausgestorben. Die Gründe dafür liegen einfach ausgedrückt in einem kleinen Pool an Ausgangstieren zu Projektbeginn, einem zu frühen Teilen und Verteilen der noch kleinen Bestände vor Projektstart, individuellen Haltungsschwierigkeiten hervorgerufen durch einen kaum in den Griff zu bekommenden Wurmbefall, aber auch sprachlichen Barrieren. Was soll nun bezüglich dieser beiden Arten passieren? Die Antwort lautet, sie sollen wie auch die beiden Allotoca dugesii Fundortvarianten (ESU's) aus dem Lago de Cuitzeo Becken und dem Oberlauf des Río Duero eingeführt und in Kultur genommen werden. Dann soll von Anfang an mit einer optimalen Haltung an einer einzigen Stelle die Gruppe deutlich vergrößert und dann bei ausreichender Gruppenstärke Tiere gezielt verteilt werden. Nachdem mittlerweile auch die Sprachbarrieren beseitigt sind, sollte es diesmal klappen, die Tiere erfolgreich im Projekt zu behalten.

Abschnitt C: Forschungsreisen im Sinne des Projektes seit Projektbeginn

Einige Jahre vor Beginn des Projektes Allotoca-Mesa Central im September 2016 gelang es uns von der Goodeid Working Group im November 2014 Meeks Kärpfling (Allotoca meeki) im Abfluss der Estanque de Condembas in der Kleinstadt Opopeo zu finden, eine Art, die zu diesem Zeitpunkt als vermutlich in der Natur ausgestorben galt. Gemeinsam mit dem Auffinden einer weiteren hochgradig bedrohten Art im Juni 2016 - Allotoca maculata - war das mehr oder minder die Initialzündung für das Projekt Allotoca - Mesa Central. Auch in den kommenden Jahren war es eines unserer Bestrebungen, uns laufend über die Situation der Naturbestände zu informieren, und wenn möglich weitere Tiere ins Zuchtprogramm zu übernehmen. Bereits im Jahr 2017 führten zwei Reisen in die Bundesstaaten Guanajuato und Michoacán. Ziel war es zum einen bekannte Fundorte von Allotoca diazi, A. dugesii, A. meeki und A. zacapuensis zu kontrollieren, erstmals Allotoca catarinae im natürlichen Lebensraum aufzuspüren, verschollene Bestände von Allotoca dugesii in Guanajuato wieder zu entdecken, sowie einen erst kürzlich davor bekannt gewordenen zweiten Fundort von Allotoca zacapuensis zu besuchen. Während Allotoca diazi und A. dugesii in der Quelle nahe der alten Mühle bei Chapultepec nach wie vor in guten Beständen zu finden waren, gelang es uns in diesem Jahr Allotoca meeki selbst im Quellteich von Opopeo nachzuweisen, wo sie drei Jahre davor nicht zu finden war. Der Fundort der beiden syntop vorkommenden Arten nahe Chapultepec schien nicht gefährdet zu sein, Allotoca meeki hingegen, wohl einer der bedrohtesten Goodeidenarten überhaupt, muss sich ihren Lebensraum mit gefräßigen Schwarzbarschen (Micropterus salmoides) teilen, die eine große Gefahr für die Art darstellen. Allotoca catarinae wurde nahe dem Quellgebiet des Río San Antonio in der Stadt Uruapan gefunden werden. Sie wurde gemeinsam mit einer zweiten Goodeidenart, Ilyodon whitei, angetroffen und schien in gesunden und größeren Beständen zu existieren. Am erst im Jahr 2014 entdeckten zweiten Fundort von Allotoca zacapuensis in einem Quellgebiet im Oberlauf des Río Angulo konnte die Art von uns nicht gefunden werden, jedoch von einer amerikanischen Gruppe im Jahr darauf. Die Bestände von Allotoca dugesii in Guanajuato konnten trotz intensiver Suche an den beiden bekannten Fundorten und drüber hinaus nicht entdeckt werden; ein Schicksal, das sie mit den Beständen nahe Poncitlán oberhalb des Chapala-Sees teilen, die nach deren Entdeckung 2008 von uns acht Jahre später (Juni 2016) nicht gefunden werden konnten. Nichtsdestotrotz ist es möglich, dass diese Fischart in diesen Gebieten noch vorhanden ist.
Fundorte der Reisen

Legende zu obenstehender Abbildung: Schwarze Raute: Fundort von Allotoca maculata; rote Raute mit grünem Feld: ehemaliger Fundort von Allotoca goslinei; roter Stern: Fundort von Allotoca meeki; violetter Stern: Fundort on Allotoca diazi; schwarze Sterne: Fundorte von Allotoca zacapuensis; oranges Oval: Fundgebiet von Allotoca catarinae; grüne Ovale: Fundgebiete von Neoophorus regalis; rote Ovale: Fundorte von Allotoca dugesii; rote Ovale mit grünem Feld: ehemalige Fundorte von Allotoca dugesii in Guanajuato (groß) und Poncitlán (klein).
Im Jahr 2018 führte eine Reise im November nach Jalisco. Ziel war es diesmal die Laguna Palo Verde zu besuchen, um die Bestände von Allotoca maculata zu kontrollieren. Weiters wollten wir den Typusfundort von Allotoca goslinei besuchen, eine Art, die seit dem Jahr 2005 in der Natur verschollen ist. Männchen von Neoophorus regalis aus dem Río El Chivo (Fotos: Isai Betancourt)Die erste Art konnten wir in großen Beständen nachweisen, die zweite leider nicht. Diese scheint tatsächlich nur noch in Aquarien zu existieren. Damit waren bis zum Dezember 2019 - wenn man die regelmäßigen Kontrollen der Bestände von Allotoca dugesii im Lago de Cuitzeo-Becken durch die Universität Morelia miteinbezieht - mit Ausnahme des Vorkommens dieser Art im Oberlauf des Río Duero alle bekannten Fundorte von Allotoca - Arten innerhalb der letzten drei Jahre besucht worden. Einzig und allein Neoophorus regalis wurde bis dahin nicht berücksichtigt. Die einzige Art der Gattung Neoophorus gilt ein wenig als mystische Art. Farblich relativ bescheiden und versteckt lebend wird sie auch in der Natur selten beobachtet. Weibchen von Neoophorus regalis aus dem Río El Chivo (Fotos: Isai Betancourt)Als dann die Weltbestände dieser Art in den Aquarien Ende 2019 praktisch null waren, wurde beschlossen, diesen Umstand zu ändern. Es wurde im Januar 2020 das Herkunftsgebiet dieses Art -  Bäche, kleinere Flüsse und Staubecken in einem geologisch äußerst interessanten Gebiet im Río Balsas Gebiet im Auftrag der Projektleitung von zwei Mexikanischen Wissenschaftlern aufgesucht, um nach der Art Ausschau zu halten. Sie konnte erst vor wenigen Tagen in zwei Flüssen erfolgreich nachgewiesen werden, und es wurden aus beiden Lebensräumen Individuen aufgesammelt, die künftig in einer Anlage der biologischen Fakultät der Universität Morelia gehalten und vermehrt werden sollen. Nachzuchttiere davon sollen während des Jahres ins Projekt übernommen werden.

Abschnitt D: Status der Arten in der Natur und weitere Aktivitäten mit Bedeutung für das Projekt

Nach einem Jahr intensiver Recherche und Arbeit wurde im Juli 2019 der aktuelle IUCN-Redlist Bericht veröffentlicht. Mexikanische Fische, darunter natürlich alle Vertreter der Gattung Allotoca sowie Neoophorus regalis, sind darin Schwerpunkt mäßig erfasst. Nachdem wir maßgeblich verantwortlich für die Evaluierung der einzelnen Arten waren, flossen unsere Erkenntnisse und Resultate der letzten Jahre in diese Beurteilungen ein. Demzufolge gilt derzeit eine Art als "Extinct in the Wild", nämlich wie bereits erwähnt Allotoca goslinei, und Allotoca dugesii als Art mit dem flächenmäßig größten Verbreitungsgebiet als wird als "Endangered" geführt. Alle anderen Arten sind als "Critically Endangered" eingestuft worden und daher der zweithöchsten Bedrohungskategorie zugeordnet. Damit besitzen nun alle Arten einen offiziellen Gefährdungsstatus nach IUCN.
Hier die Links zu den entsprechenden Arten in der IUCN Redlist:
Allotoca catarinae: https://www.iucnredlist.org/species/191694/47097611
Allotoca diazi: https://www.iucnredlist.org/species/169372/1274613
Allotoca dugesii: https://www.iucnredlist.org/species/191695/1998425
Allotoca goslinei: https://www.iucnredlist.org/species/191696/1998432
Allotoca maculata: https://www.iucnredlist.org/species/881/3147389
Allotoca meeki: https://www.iucnredlist.org/species/191697/1998439
Allotoca zacapuensis: https://www.iucnredlist.org/species/191699/1998453
Neoophorus regalis: https://www.iucnredlist.org/species/191698/1998446

Im November 2019 kam es zu einem Treffen der Teleost TAG, einer Arbeitsgruppe der EAZA (European Association of Zoos and Aquariums), die sich mit dem größten Teil der Knochenfische beschäftigt, den Strahlenflossern (Teleostier). Ziel war es, sogenannte Regional Collection Plans zu erstellen, das sind eine Art Empfehlungslisten für Zoos, welche Fischarten sie bevorzugt halten sollen, wobei hier das Schwergewicht auf bedrohte Arten liegen wird. Ein Teil der Goodeiden wird in diesen Listen Berücksichtigung finden, darunter natürlich alle Allotoca - Arten sowie Neoophorus regalis. Das bedeutet, dass deren Vertreter künftig verstärkt in zoologischen Einrichtungen gehalten und gezeigt werden. Darüber hinaus umfassen die mit diesen Listen zusammenhängenden Aufgaben auch das Evaluieren von Schutzmaßnahmen vor Ort, und hoffentlich auch deren Umsetzung - etwas, das mit der zuvor erfolgten Einstufung nach IUCN-Kriterien mehr Gewichtung erfährt und einfacher zu erreichen sein wird als noch im Jahr davor. Hier sieht man, wie manches zur rechten Zeit oft Hand in Hand geht.

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Männchen von Neoophorus regalis aus dem Río El Chivo (Fotos: Isai Betancourt)
Weibchen von Neoophorus regalis aus dem Río El Chivo (Fotos: Isai Betancourt)